Friedrich-Fröbel-Schule Maintal

Einblicke in Schulprogramm und Schulleben

Schulentwicklung 2009: Konzept des Schriftspracherwerbs

Das Konzept zum Schriftspracherwerb und den notwendigen Voraussetzungen im Rahmen der Schulentwicklung 2009.

Schulentwicklung 2009: Konzept des Schriftspracherwerbs

1.1 Konzept des Schriftspracherwerbs an der Friedrich-Fröbel-Schule

1.1. Notwendige Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb

In der Regel erwerben Kinder bis zum Einschulungsalter von 6 Jahren die kognitiven, sprachlichen und motorischen Voraussetzungen, um dann im ersten Schuljahr das Lesen und Schreiben in angemessener Zeit zu erlernen.

Bei Schülern der Schule für Praktisch Bildbare unterliegt diese regelgerechte Entwicklung Störungen, die unterschiedlich ausgeprägt in den einzelnen Anforderungsbereichen sein können. Diese Störungen können im Sinne einer frühkindlichen Schädigung, eben der vorliegenden Behinderung, entstanden oder aber auch zusätzlich durch eine kindliche Deprivation erworben worden sein.

Die Förderungen in den nicht altersgemäß erworbenen Entwicklungsbereichen als Voraussetzung des Schriftspracherwerbs ist dann zunächst Unterrichtsgegenstand in der Schule. Diese Förderungsansätze können für viele Schüler für ihr ganzes Schulleben bestimmend sein und die Verminderung der vorliegenden Defizite bestimmt den Erfolg ihrer späteren Lese- und Schreibfähigkeiten.

Wichtig ist vor Beginn des Unterrichts eine differentialdiagnostische Abklärung, um die Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler in Bezug auf den Schriftspracherwerb zu festzustellen und damit die Förderansätze zu bestimmen.

Eine gute Zusammenarbeit mit dem Elternhaus ist unabdingbar, um zum einen eine realistische Erwartungshaltung der Eltern zu erreichen und ihnen Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wie die Förderung von Motivation und Lernbereitschaft durch Vorlesen und Beschäftigung mit Geschriebenem.

Hilfreich ist es auch, um feinmotorische Defizite oder behinderungsspezifische Einschränkungen zu kompensieren, frühzeitig Lernen und Üben mit entsprechender Software am Computer einzubeziehen. Inzwischen gibt es für alle Förderungsbereiche Programme für den Erwerb und das Üben der notwendigen Voraussetzungen sowie auch für die Unterstützung mit der Arbeit mit entsprechenden Leselehrgängen. Der Umgang mit Computern ist auch in der Schule für Praktisch Bildbare, so auch in unserer Schule, Normalität.

Eine Zusammenstellung der wichtigsten Voraussetzungen zum Schriftspracherwerb befindet sich in der folgenden Tabelle, die auch Anregungen zur Schwerpunktsetzung des Unterrichtes und verbindliche Aussagen über die im Rahmen der Schriftspracherwerbs zu verwendeten Begriffe, Fähigkeiten und Fertigkeiten macht.

Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für den Schriftspracherwerb notwendig sind:

  • Sprache: Ausreichender Wortschatz, ausreichendes Sprachverständnis, Sprechen in Sätzen, grammatikalistische Sprachansätze, gezielter Einsatz der Mundmotorik, Inhaltsverständnis, Aufgabenverständnis. Bemerkungen/Förderansätze: Beherrschung der Lesetechnik muss mit Sinnentnahme gekoppelt werden können. Es sollten alle Laute gebildet werden können (Zungenübungen, Lippenübungen, Blasübungen). Beachten der Mund- und Lippenstellung. Wortschatzübungen, Ratespiele, Fragen und Antworten üben. Geschichten anhören und wiedererzählen. Oberbegriffsbildung: z.B. Was können wir essen? Übungen zum Umsetzen von Arbeitsanweisungen. Parallele Anbahnung von Lesen und Schreiben.
  • Begriffsbildung: Zu lernende Begriffe: Buchstabe, Wort, Silbe, Satz, Text, Punkt, Komma, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Überschrift, Zeile, Text, Seite, Seitenzahl, Arbeitsblatt, Heft, Mappe, Ordner, Lesebuch, Mäppchen, Bleistift, Buntstift, Radiergummi, Spitzer, Schere, Lineal, Klebestift. Groß und klein im übertragenden Sinn benutzen können. Bemerkungen/Förderansätze: Im Zusammenhang mit dem Schriftspracherwerb verwendete Begriffe müssen den Schülerinnen und Schülern geläufig sein, sonst sind Arbeitsanweisungen für sie nicht verständlich. Gegenstandsanalyse. Schuleinheitliche Verständigung: Mappen für Lesekurse in rot, Mappen für Mathekurse in blau, Gebrauch der Mäppchen. Die Begriffe „groß und klein“ angewendet auf große und kleine Buchstaben werden im übertragenen Sinne gebraucht.
  • Merkfähigkeit / Regellernen: Verbales Arbeitsgedächtnis, Wiedererkennen von Wortbildern, Merken der Buchstaben und Silben vom Wortanfang bis zum Ende, Merken von Sinngehalten, Merken von gelernten Wörtern und Begriffen. Z.B. Am Satzanfang wird groß geschrieben. Ans Satzende kommt ein Punkt. Bemerkungen/Förderansätze: Übungen für die auditive Merkspanne.
  • Arbeitshaltung: Konzentrationsfähigkeit, Selbständiges Arbeiten am Tisch, Gruppenfähigkeit, Ausdauer, Interesse am Lerngegenstand, Einhalten von Regeln. Bemerkungen/Förderansätze: Die Schülerin oder der Schüler muss auch Lesen und Schreiben lernen wollen, möglichst aus intrinsischer Motivation, eine extrinsische Motivation überdauert die Zeit des Schriftspracherwerbs nicht, da er Jahre dauern kann.
  • Feinmotorische Fähigkeiten: Korrekte Stifthaltung, Schreibrichtung einhalten können, Auf der Linie bleiben können, Handzeichen bilden können, Ausmalen können, Ausstreichen können, Einkreisen können, Unterstreichen können, Ausschneiden können, Lochen und Einheften von Arbeitsblättern, Krafteinsatz, Fingerbeweglichkeit, Auge-Handkoordination, Druckschrift in Gemischtantiqua zur Einführung. Bemerkungen/Förderansätze: Diese Fähigkeiten müssen nicht nur handwerklich bewältigt werden, sondern auch in der Begriffsbildung gefestigt sein. Zusatzmaterial auch für feinmotorisch ungeschickte Schüler wie Setzleiste, Wort- und Buchstabenkarten. Dicke Stifte, Griffhilfen, Linkshänder-Schreibunterlage, individuelle Lineatur.
  • Medienbeherrschung: Bedienen und Verwenden von technischen und elektronischen Medien wie z.B. CD-Player, Computer und Computerzubehör. Bemerkungen/Förderansätze: Viele Übungsmaterialien zur Wahrnehmungsförderung und zum Schriftspracherwerb sind inzwischen als Computerprogramme erhältlich oder werden aus dem Internet heruntergeladen. Computerkenntnisse sind für den Unterricht und für die Übungssituationen zu Haus inzwischen für Schüler Standardwissen. Für körperbehinderte oder sehbehinderte Schüler müssen spezielle Vorrichtungen wie besondere Tastaturen oder größere Monitore bereitgestellt werden.
  • Wahrnehmung (Raumlage): Raumlage im Raum und auf dem Papier. Begriffe: oben-unten-vorn-hinten-neben-nachher-zuerst müssen verstanden und umgesetzt werden. Einheiten ganzheitlich wahrnehmen können. Gestaltauffassung. Reihenfolgen bilden, Schreib- und Leserichtung kennen. Bemerkungen/Förderansätze: Raumlagebegriffe müssen vom dreidimensionalen Raum auf den zweidimensionalen Raum übertragen werden können. Mehrgliederige Laute (z.B. sch) ganzheitlich erfassen können. Wörter als Ganzwörter wieder erkennen. Mehrdimensionaler Ansatz – Schaffung von intermodalen Verbindungen und serialer Integration der einzelnen Wahrnehmungsleistungen: Sehen-Hören-Kinästhetik.
  • Optische Differenzierung: Buchstaben als Buchstaben von anderen Zeichen unterscheiden können. Buchstaben untereinander unterscheiden können. Minimale Unterschiede erkennen. Optische Raumlagefixierung. Auffinden der Buchstaben in Wörtern und Texten. Zahlen – Buchstaben – Piktogramme unterscheiden können. Verstehen, dass Buchstaben in einem Wort einen festen Platz haben. Bemerkungen/Förderansätze: Übungen zur Figurkonstanz und Figur-Grund-Wahrnehmung.
  • Akustische Differenzierung: Laute bilden können, Laute unterscheiden können, Laute heraushören können, Standort von Lauten im Wort bestimmen können, Wörter wieder erkennen. Bemerkungen/Förderansätze: Übungen mit Tierstimmen, Übungen mit Alltagsgeräuschen, Anlaute erkennen, Gleichheitsabstraktionen, Allgemeines Lauthören / Spezielles Lauthören der Lautstellung.
  • Melodische und Rhythmische Differenzierung: Melodien erkennen, Melodien selbst wiedergeben, Rhythmen nachklatschen, Schnell-langsam, laut-leise, hoch-tief unterscheiden können. Bemerkungen/Förderansätze: Melodie, Tempo, Dynamik und Pausen sind wichtig für Lautklangdurchgliederungen, Sinnentnahme bei Texten, Sinn- und Worterwartung beim Lesen. Sprechzeichnen, Syllabieren mit Klatschen, Länge und Dauer von Lauten und Wörtern erkennen, Betonungen beim Lesen.

1.2. Der Leselernprozess (nach Günther)

Grundlage für das Lesen und Schreiben Lernens an unserer Schule ist der Erweiterte Leselernbegriff nach Hublow bzw. Günther (vgl.).

Die Reihenfolge der Lesestufen wird danach in einem Stufenmodell idealtypisch dargestellt:

  • Situationslesen
  • Bilder lesen
  • Piktogramme lesen
  • Signalwörter lesen
  • Ganzwörter lesen
  • „Schrift lesen“ (Analyse, Synthese, Sinnentnahme)

Die Leseentwicklung bei jedem unserer SchülerInnen verläuft individuell. Die meisten von ihnen erreichen die Stufe des Situationslesens. SchülerInnen mit schweren Behinderungen bleiben eventuell auf dieser Stufe stehen und entwickeln sich innerhalb dieser Stufe qualitativ weiter. Sie lernen, sich immer auf neue Situationen, Personen, Gegenstände und Räume einzustellen. Viele unserer Schüler entwickeln mit der Zeit Fähigkeiten in den Bereichen Bilder, Piktogramme, Signalwörter und Ganzwörter lesen. Diese Kompetenzen werden in der Regel während der Schulzeit und auch noch im Erwachsenenalter ständig erweitert und spielen eine wichtige Rolle im Alltagsleben (vgl. Günther 1999, 15 und Oelwein 1998, 16ff).

Entscheidend für fast alle Lese- und Schreibstufen ist die Fähigkeit der SchülerInnen, ein Symbolbewusstsein zu entwickeln und zu lernen, dass Zeichen für etwas stehen können. Dabei handelt es sich nach Schmid und Schimmele auf den Stufen „Bilder lesen“ und „Piktogramme lesen“ noch um Zeichen, die aufgrund ihrer grafischen Darstellung eine Ähnlichkeit mit dem gemeinten Gegenstand oder der dargestellten Situation erkennen lassen. Bei der Buchstabenschrift werden die SchülerInnen nun aber mit abstrakten Zeichen konfrontiert, die von sich aus eigentlich keinerlei Ähnlichkeit mit dem haben, für das sie stehen. Ein entscheidender Schritt in der Lese- und Schreibentwicklung ist daher die Erkenntnis, dass Buchstaben sinnvolle graphische Zeichen sind, die in bestimmten Zusammensetzungen einen Sinn ergeben (vgl. Schmid und Schimmele S. 59). Dies ist für viele unserer SchülerInnen ein komplizierter und komplexer Zusammenhang. Deshalb macht es durchaus Sinn, Signalwörter und häufig vorkommende Wörter als Ganzworte zu speichern. Sie werden dann an einzelnen signifikanten Merkmalen oder in einem bestimmten Kontext erkannt. Voraussetzung hierfür ist die optische Differenzierung.

Ergänzt wird unser Verständnis des erweiterten Lese- und Schreibbegriffs durch den ursprünglich für die Grundschule konzipierten Ansatz des Schreiben und Lesen Lernens mit Hilfe der Anlauttabelle. Die Arbeit mit der Anlauttabelle setzt hierbei ein gewisses Maß an phonologischer Bewusstheit voraus.

1.3 Die Bedeutung der Phonologischen Bewusstheit

Noch vor etwa drei Jahrzehnten ging man davon aus, dass vor allem die Fähigkeit zur optischen Differenzierung eine wesentliche Grundlage für den Schriftspracherwerb darstellt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die wissenschaftliche Forschung den Nachweis erbracht, dass für den Lese- und Schreibprozess vor allem Sprachwahrnehmungs- und Sprachverarbeitungsfähigkeiten eine bedeutsame Rolle einnehmen. Der Zusammenhang zwischen phonologischer Bewusstheit und Lese- Rechtschreibleistung wurde in zahlreichen Studien bestätigt.

Die Phonologische Bewusstheit zeigt hierbei einen hierarchischen Aufbau.

Die Basis bilden Lieder, Sprüche, Sprachspiele, Lausch- und Reimaufgaben, die ihren festen Platz im Unterricht unserer Schule einnehmen. Darauf aufbauend geht es um die Wahrnehmung von Sprachstrukturen. Hier liegt der Fokus auf der Erfassung des Wortes als Ganzes. Danach lässt sich die Gliederung in Silben anbahnen. Dies wird zum Beispiel durch Klatschspiele umgesetzt.

Die Erkenntnis der lautlichen Entsprechung von Phonem und Graphem baut hierauf auf. Hier geht es zunächst um Hörübungen zu den An-, End- und Inlauten. Die Anlauttabelle gilt hierbei als Hilfsmittel.

Die Entsprechung von Phonem und Graphem bildet zudem die Basis für den Vorgang der Synthese.

Weitere Seiten: Schulprogramm Fortschreibung 2002–2005 · Schülervertretung